Am Sonntag hat man Zeit für ein gemütliches Frühstück

 
Am Sonntag hat man Zeit für ein gemütliches Frühstück
"Am Sonntag hat man Zeit für ein gemütliches Frühstück." So denkt man jedenfalls, und bei den meisten Menschen ist es dann auch so. Aber wenn man wie ich auf den Dorf wohnt, wo jeder jeden kennt und jeder mit jedem über jeden redet, ist das nicht so einfach. Ich arbeite die ganze Woche und bin froh, amn Sonntag meine Ruhe zu haben. Aber meine Nachbarin ist Hausfrau, sie kommt in der Woche nirgends hin. Ihr Mann ist Pilot, er ist oft unterwegs und hat keinen regelmäßigen Feierabend. Sie ist immer nur in ihrem Haus, hat nur die Kinder, den Hund und den Garten. Die Kinder gehen schon des Öfteren ihre eigenen Wege. Da stürzt sie sich dann auf die Leute, die am Sonntag zu Hause sind und sich erholen wollen. Heute hat sie sich auf mich gestürzt, kaum daß ich die Jalosien hochgezogen und meine Terassentür geöffnet habe. Ich hatte meinen Tisch schön gedeckt, Brötchen aufgebacken und mir Kaffee und ein Ei gekocht. Ich nahm mir ein Buch, schlug es auf und nahm mit einem wohligen Seufzer einen Schluck Kaffee. Der blieb mir fast im Halse stecken, als hinter der Hecke ein helles "Hallo, guten Morgen!" erklang. "Na, ausgeschlafen? Das wurde aber auch Zeit, sage ich dir. Ich bin schon seit um 6 Uhr auf den Beinen." Ich griff zu meinem Ei und schlug ihm mit unterdrückter Agression die Schale ab. Ich sagte nichts. Ich hoffte, daß sie merkte, daß ich noch nicht ganz wach und keinerlei Lust auf Konversation hatte. Aber sie war nicht zu bremsen. Hast du schon gehört, daß Frau A. ... Was sagst du zu Frau B. ... Wie findest du, was der Sohn von W. und K. ... Stell dir vor, die Frau O. hat ein Verhältnis mit Herrn Z., man weiß ja nicht, ob das stimmt, aber...Naja, ich will ja nichts gesagt haben... usw. usw. Mein Brötchen mit dem leckeren Aufschnitt, auf das ich mich so sehr gefreut hatte, lag unangetastet auf dem Teller. Ich hatte schon den verlangenden Blick von ihr gesehen, sie war auf dem Sprung, sich an den Tisch zu setzen, wenn ich ihr das angeboten hätte. Aber da ich nichts sagte, sie auch nicht richtig ansah, hielt sie sich gut erzogen zurück. Ich dachte, sie müßte doch merken, daß ich am frühen Sonntag Morgen gern mein Frühstück genießen und mein Buch lesen wollte, aber sie war so in ihrem Redefluß, daß sie das überhaupt nicht zur Kenntnis nahm. Warum erlöst mich denn keiner, dachte ich verzweifelt. Sonst klingelt immer das Telefon, wenn man es nicht gebrauchen kann, aber jetzt blieb es stumm, natürlich, klar. Ich hätte sogar Besuch von meiner Familie "sehr gerne" begrüßt, aber die sitzen natürlich alle an Frühstückstisch und genießen in aller Ruhe ihren Sonntag, dachte ich etwas zynisch. Ich mochte sie aber auch nicht unhöflich unterbrechen und sie bitten, zu gehen, denn sie ist meine Nachbarin, und ich finde, man muß immer gut mit den Menschen auskommen, die um uns leben. Und ich bin kein Typ, der Stress und Streitigkeiten mag. Ich atmete tief ein und aus und fragte sie dann doch, ob sie sich zu mir setzen wollte. Ihr Gesicht erhellte sich, sie zierte sich erst ein wenig, denn sie "wollte mich nicht belästigen", aber dann setzte sie sich lächelnd auf den freien Stuhl. Ich holte eine zweite Tasse, ein Brettchen und ein Messer und setzte noch einmal Kaffee auf. Ich sah, wie sie mich dankbar und gleichzeitig verlegen ansah, aber ihre Augen strahlten mich an. Ich mußte schlucken. Ich begriff, wie allein diese Frau sich fühlen mußte. Sie hatte ein schönes Haus, einen Mann, gesunde Kinder, keine finanziellen Sorgen und war doch der einsamste Mensch, dem ich seitlanger Zeit begegnet bin. Fast schämte ich mich, daß ich so schlecht über sie gedacht hatte. Ich bot ihr Brötchen und ein Ei an, schenkte Kaffee ein, und wir saßen zusammen und genossen unser Sonntags-Frühstück. Wir unterhielten uns und kamen uns etwas näher. Wir erzählten uns aus unserem Leben, und wir stellten fest, daß wir fast dieselben Interessen hatten. Sie mochte auch die Kunst der Malerei, gute Konzerte, Spaziergänge im Regen, die Natur und die Musik. Es war ein wunderbarer Sonntagmorgen, er ging bis zum Abendbrot, so schnell flog die Zeit dahin. Wir wußten beide, daß hier und heute eine wunderbare Freundschaft begonnen hatte. Ich begriff, daß man sich bei jedem Menschen die Zeit nehmen mußte, um ihn kennenzulernen. Man kann sonst wertvolle Menschen verpassen, die es wert sind, mit ihnen kostbare Zeit zu verbringen. Man bringt sich selbst um wunderbare Erlebnisse und Freundschaften, die unserer Seele und unserem Herzen guttun. Ich bin froh, daß ich sie zum Frühstück eingeladen haben, wenn auch mit etwas "Verspätung". Aber es ist nie zu spät, um neue Erfahrungen zu machen, die unser Leben bereichern. (15.08.12)
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